Einleitung

Kommunikation kann für Frauen mit AuDHS – also einer Kombination aus Autismus und ADHS – herausfordernd sein.
Nicht, weil sie „nicht kommunizieren können“, sondern weil ihr Gehirn und ihr Nervensystem Informationen teilweise auf eine eigene, oft feinere und zugleich intensivere Weise verarbeitet.

Gerade in meiner Arbeit in Leipzig mit Frauen und Müttern, die sich selbst im Spektrum von AuDHS verorten, zeigt sich immer wieder:
Viele tragen ein tiefes Gefühl in sich, „anders“ zu sein – besonders im Kontakt mit anderen.

Dieser Beitrag möchte dir ein verstehendes Feld öffnen.
Ein Feld, in dem du beginnen kannst zu erkennen,

  • warum bestimmte Kommunikationsmuster entstehen
  • und wie ein achtsamer, traumasensitiver Umgang damit aussehen kann

– für dich selbst oder für die Menschen, die du begleitest.


 Was bedeutet AuDHS überhaupt?

AuDHS beschreibt das gleichzeitige Vorhandensein von
Autismus-Spektrum
und
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung – Spektrum.

Beide neurobiologischen Profile wirken parallel und beeinflussen Wahrnehmung, Reizverarbeitung, Kommunikation und soziale Interaktion.

Dabei ist wichtig zu verstehen:
AuDHS ist keine Mischung, sondern ein gleichzeitiges Zusammenspiel zweier Systeme – manchmal ergänzend, manchmal auch widersprüchlich.

Dieses Zusammenspiel kann zu einer besonderen Tiefe im Erleben führen – und gleichzeitig zu Herausforderungen im Ausdruck.


 Typische Kommunikationsherausforderungen

1. Unterbrechen / „Reinsprechen“

Viele Frauen mit AuDHS unterbrechen nicht aus Unhöflichkeit, sondern aus einem inneren Impuls heraus.

Gedanken entstehen oft sehr schnell.
Gleichzeitig kann das Arbeitsgedächtnis begrenzt sein – und damit auch die Sorge verbunden, dass ein Gedanke verloren geht, wenn er nicht sofort ausgesprochen wird.

Neurobiologisch hängt dies unter anderem mit den Exekutivfunktionen zusammen, die bei ADHS anders arbeiten – insbesondere in Bezug auf Impulskontrolle und Reizfilterung.

Was im Außen als „Reinsprechen“ erscheint, ist im Inneren häufig ein Versuch, Verbindung zu halten.


2. Wiederholen & Rückversichern

Manche Inhalte werden wiederholt oder erneut nachgefragt.
Das kann aus einem tiefen Bedürfnis nach Klarheit entstehen.

Viele Frauen möchten sicherstellen, dass sie wirklich verstanden wurden – und dass sie selbst das Gesagte vollständig erfasst haben.

Gerade im Kontext von Autismus wird Sprache oft bewusster, detaillierter und präziser verarbeitet.
Wiederholung ist hier kein Defizit, sondern ein Ausdruck von Sorgfalt im Kontakt.


3. Wörtliches Verstehen

Ironie, Metaphern oder indirekte Aussagen können im Gesprächsfluss schwerer zugänglich sein.

Nicht, weil das Verständnis fehlt, sondern weil der Fokus stärker auf klarer, expliziter Sprache liegt.
Implizite Kommunikation erfordert zusätzliche Verarbeitungsschritte – und damit mehr Zeit und Energie.

Auch hier zeigt sich kein „Nicht-Können“, sondern ein anderer Zugang zur Welt.


4. Wechsel zwischen viel Sprechen und Rückzug

Viele Frauen mit AuDHS erleben einen Wechsel zwischen Phasen intensiver Ausdruckskraft und Momenten des Rückzugs.

In einem Moment ist da Begeisterung, Mitteilungsdrang, Lebendigkeit.
Im nächsten kann Überforderung einsetzen – durch Reize, durch soziale Dynamik oder durch innere Erschöpfung.

Dieser Wechsel ist oft eine Form der Selbstregulation des Nervensystems.


5. Detailtiefe

Ein starkes Bedürfnis nach Präzision und Vollständigkeit zeigt sich häufig in einer großen Detailtiefe.

Gedanken werden vernetzt, Zusammenhänge umfassend dargestellt.
Was im Außen manchmal als „zu viel“ wahrgenommen wird, ist im Inneren ein Ausdruck von Klarheit und innerer Ordnung.


6. Missverständnisse auf emotionaler Ebene

Gefühle werden oft intensiv erlebt – jedoch nicht immer auf eine Weise ausgedrückt, die im Außen sofort lesbar ist.

Das kann zu Missverständnissen führen.
Nicht, weil keine Emotion da ist, sondern weil Ausdruck und Wahrnehmung nicht immer synchron verlaufen.


Wie kann Kommunikation gelingen? (traumasensitiv)

Ein traumasensitiver Zugang zur Kommunikation bedeutet vor allem eines:
das Nervensystem mitzudenken.

Klarheit in der Sprache kann helfen, Sicherheit zu schaffen.
Konkrete Worte, wenig Mehrdeutigkeit – das gibt Orientierung.

Ebenso wichtig ist das Tempo.
Pausen dürfen entstehen.
Verarbeitung braucht Zeit.

Rückversicherung kann Brücken bauen:
„Habe ich dich richtig verstanden?“
– ein einfacher Satz, der Verbindung stärkt.

Auch das Unterbrechen darf neu eingeordnet werden.
Nicht als Respektlosigkeit, sondern als Ausdruck innerer Dynamik.

Im Kern gilt:
Kommunikation ist immer auch Nervensystemarbeit.


 Warum dieses Verständnis so wichtig ist

Viele Frauen mit AuDHS haben im Laufe ihres Lebens gelernt,
dass ihre Art zu kommunizieren „zu viel“, „zu direkt“ oder „nicht passend“ sei.

Daraus entstehen oft:

  • Scham
  • Rückzug
  • Anpassungsstrategien (Masking)

Doch ein verstehender Blick kann etwas verändern.

Er schafft Sicherheit.
Er ermöglicht echte Verbindung.
Und er öffnet einen Raum, in dem Kommunikation nicht angepasst, sondern verstanden werden darf.


 Der weibliche Zyklus als Verstärker in Kommunikation & Selbstregulation

Ein oft unterschätzter Einflussfaktor ist der hormonelle Zyklus.

Viele Frauen erleben, dass sich ihre Fähigkeiten in Bezug auf Reizverarbeitung, Emotionsregulation, Impulskontrolle und Konzentration nicht konstant zeigen, sondern in Wellen verlaufen.

Im Verlauf des Zyklus – insbesondere durch Schwankungen von Östrogen und Progesteron – verändert sich auch die Regulation im Nervensystem.

Es kann Phasen geben mit erhöhter Sensibilität, schnellerer Überforderung oder intensiveren emotionalen Reaktionen.
Gerade die prämenstruelle Zeit wird häufig als besonders herausfordernd erlebt.

Bei AuDHS wirken diese Veränderungen nicht isoliert, sondern verstärken bestehende Dynamiken.
Ein ohnehin sensibles System reagiert dann noch feiner.

Auch Lebensphasen wie Schwangerschaft, Mutterschaft oder die Perimenopause können diese Prozesse intensivieren.

All das ist kein persönliches Versagen.
Es sind nachvollziehbare, körperlich verankerte Prozesse.

Vielleicht darf hier ein sanfter Perspektivwechsel entstehen:
Nicht immer gleich funktionieren zu müssen – sondern die eigene Rhythmik verstehen zu lernen.


 Medikation, Rebound & Zyklus

Viele Frauen nutzen unterstützend Medikation, insbesondere im Kontext von ADHS.
Was dabei oft wenig Raum bekommt, ist die Tatsache, dass ihre Wirkung nicht konstant ist.

Ein Phänomen, das dabei auftreten kann, ist der sogenannte Rebound-Effekt.
Wenn die Wirkung eines Medikaments nachlässt, kann das Nervensystem kurzfristig intensiver reagieren.

Das kann sich zeigen als innere Unruhe, erhöhte Reizempfindlichkeit, emotionale Wellen oder ein Gefühl von plötzlichem Einbruch.

Gerade bei AuDHS wird dieser Übergang häufig besonders deutlich erlebt, da das Nervensystem ohnehin sensibel reagiert.

Hinzu kommt, dass hormonelle Veränderungen – insbesondere im Zyklus – auch die Wirkung von Medikamenten beeinflussen können.
Da viele Wirkstoffe auf das dopaminerge System wirken, können Schwankungen im Hormonhaushalt diese Prozesse mit beeinflussen.

Viele Frauen berichten daher von:

  • veränderter Wirkdauer
  • schwankender Intensität
  • stärkeren Rebound-Phasen

Besonders in der prämenstruellen Zeit.

Auch hier gilt:
Das ist nicht eingebildet.
Es ist biologisch erklärbar.

Ein achtsamer Umgang kann darin liegen, diese Muster zu beobachten, ernst zu nehmen und sich bei Bedarf fachlich begleiten zu lassen.


 Fazit

Kommunikation bei AuDHS Frauen ist nicht defizitär.
Sie folgt anderen Mustern.

Oft ist sie:

  • schneller
  • detaillierter
  • direkter
  • sensibler

Wenn wir beginnen, diese Muster zu verstehen,
entsteht etwas, das über reines „Funktionieren“ hinausgeht:

Verbindung.

Und vielleicht auch ein Stück mehr Frieden im eigenen Erleben.


📍 Hinweis zu meiner Arbeit in Leipzig

In meiner Praxis in Leipzig begleite ich Frauen & Mütter traumasensitiv und neuroaffirmativ – insbesondere im Bereich AuDHS – Spektrum, PDA Profil, Entwicklungstrauma und Selbstregulation.

Wenn du dich in diesem Text wiederfindest, darfst du wissen:
Du bist nicht allein mit deinem Erleben.


📚 Quellen

  • World Health Organization – ICD-11
  • National Institute of Mental Health
  • Autism Research Institute
  • CHADD
  • NeuroTribes
  • Women and Girls with Autism Spectrum Disorder
  • Driven to Distraction
  • ADHD 2.0