Selbstoffenbarung im psychotherapeutischen Setting – eine Frage der Haltung
Private Traumatherapie & psychotherapeutische Begleitung in Leipzig
Selbstoffenbarung im psychotherapeutischen Setting verführt schnell zu polarisierenden Meinungsbildern.
Auf der einen Seite steht das Bild der Therapeut:in als „weiße Wand“ – neutral, zurückhaltend, möglichst unbeschrieben.
Auf der anderen Seite begegnet uns eine Begleitung, die überwiegend aus der eigenen Erfahrung teilt – oft mit guter Absicht, manchmal jedoch ohne ausreichende innere Einbettung.
Doch die eigentliche Frage liegt tiefer meiner Meinung nach. Weder das starre Ideal der weißen, unbeschriebenen Wand noch das überwiegende partizipative Teilen eigener Erfahrungen kann für sich genommen Orientierung geben. Beides bleibt unvollständig in der Traumatherapie.
Was es stattdessen braucht, ist eine tiefe, kontinuierliche Selbstreflexion jeder begleitenden Person:
regelmäßige Selbsterfahrung, ehrliche Innenschau, Supervision und die Bereitschaft, sich immer wieder selbst zu befragen.
Gerade in der bindungs- und traumatherapeutischen Arbeit ist diese innere Haltung zentral, um Klientinnen einen sicheren und tragfähigen Raum zu bieten.
Denn therapeutische Beziehung ist niemals neutral.
Sie ist immer relational, immer lebendig, immer individuell.
Sie entsteht im Zwischenraum – und fordert ein fortwährendes Abwägen aus dem jeweiligen Prozess heraus.
Dabei bleibt eine zentrale innere Leitfrage unverzichtbar für mich:
Geht es in diesem Moment wirklich um mein Gegenüber –
oder geht es gerade um mich, um mein eigenes Bedürfnis, mein inneres Überlaufen, mein ungehaltenes Berührtsein?
Wenn ich mir als Begleiterin unsicher bin, kann mir eine alte, schlichte Orientierung dienen:
die drei Siebe des Sokrates.
Bevor ich mich selbst offenbare, darf ich innerlich prüfen:
-
Ist es wahr?
Entspringt das, was ich teilen möchte, meiner reflektierten Erfahrung – oder einem ungeordneten inneren Impuls? -
Ist es hilfreich?
Dient es dem Prozess meines Gegenübers – oder entlastet es in erster Linie mich selbst? -
Ist es notwendig?
Braucht es diese Offenbarung wirklich in diesem Moment – oder gäbe es einen anderen, klareren Weg?
Diese drei Siebe sind kein moralisches Regelwerk, sondern Ausdruck professioneller Verantwortung.
Irvin D. Yalom und die Bedeutung der therapeutischen Beziehung in meiner Traumatherapie
Irvin D. Yalom war eines der ersten psychotherapeutischen Bücher, das ich gelesen habe während meines damaligen Theologiestudiums.
Seine Arbeit hat mich tief geprägt – nicht durch Technik, sondern durch Haltung, seiner Nahbarkeit und der ehrlichen Mensch zu Mensch Begegnung.
Yalom steht für eine Psychotherapie, die den Mut hat, sich den existenziellen Grundthemen zuzuwenden, die sich jedes Menschenleben immer wieder aufs neue stellen muss und nur jede seine eigenen Antworten auf seine Art und Weise nur finden kann:
Tod, Freiheit, Isolation, Sinn, Verantwortung und Vergänglichkeit.
Gleichzeitig betont er die therapeutische Beziehung selbst als zentralen Wirkfaktor.
Was mich an Yalom bis heute berührt, ist seine Bereitschaft, sich als Mensch zu zeigen – ohne den professionellen Raum zu verlassen, nahbar und berührbar zu bleiben.
Nicht jede Selbstoffenbarung ist heilsam.
Aber jede heilsame therapeutische Beziehung ist wahrhaftig.
Und genau darin liegt für mich die größte Bewegung:
berührbar bleiben.
Solange Selbstoffenbarung
– stimmig zur eigenen Persönlichkeit und Haltung ist,
– die drei Siebe des Sokrates passiert,
– im Dienst des individuellen therapeutischen Prozesses steht
– und nicht aus unreflektierter Bedürftigkeit entsteht,
kann sie ein heilender Bestandteil psychotherapeutischer Arbeit sein.
Genauso wie – im richtigen Maß – das weiße, unbeschriebene Papier.
Selbstoffenbarung und Zurückhaltung sind keine Gegensätze,
sondern zwei Pole, zwischen denen sich professionelle Begleitung lebendig bewegt.
Und vielleicht am wichtigsten:
Bleib liebevoll mit dir, wenn es nicht immer optimal gelingt oder gelungen ist.
Wir sind Menschen.
Wir arbeiten mit existenziellen Themen.
Wir dürfen berührbar, nahbar und wahrhaftig sein.
Ein Text diesmal von einer Begleiterin – für Begleiter:innen.
Alles Liebe
Christin
Quellen & Inspiration:
iteratur:
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Yalom, I. D. (2005). The Gift of Therapy. Harper Perennial.
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Yalom, I. D. (1980). Existential Psychotherapy. Basic Books.
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Yalom, I. D. (2002). The Theory and Practice of Group Psychotherapy. Basic Books.
Deutschsprachig:
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Yalom, I. D. (2007). Existenzielle Psychotherapie. Klett-Cotta.
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Yalom, I. D. (2011). Der Panama-Hut oder Was einen guten Therapeuten ausmacht. Goldmann.